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PRESSESPIEGEL:

29. September 2016

Vom Wert der Leichten Sprache

Die Welt, 29.09.2016

Im Artikel „Antidemokraten“ ("Welt" vom 27.09) von Susanne Gaschke werden Auszüge aus der Wochenzeitung „Das Parlament“ als eindimensional und antidemokratisch bezeichnet. Wir teilen die Kritik, dass der Artikel die Vertrauenskrise „gefährlich eindimensional“ erklärt. Zu Recht sieht er Klischees bedient, wenn „die lügenden Politiker“ als Hauptursache der Vertrauenskrise ausgemacht werden - soweit berechtigte Einwände gegen die inhaltliche Aussage des Artikels.

 

Auf einem ganz anderen Blatt steht die sprachliche Form. Insoweit bleiben wir mit Unverständnis zurück, wenn das „Konzept Leichte Sprache“ als „ungeheuer herablassend“ bezeichnet wird und behauptet wird, Menschen würden für „doof“ gehalten, wenn Dinge nicht in „normaler“, „guter“ Sprache beschrieben würden.

 

Ist ein Artikel in Französisch oder Englisch „unnormal“ oder per se schlecht? Nein, natürlich nicht. Genauso wenig kann ein Text allein aufgrund der Tatsache, dass er in Leichter Sprache geschrieben ist, schlecht oder „unnormal“ sein. Denn Leichte Sprache ist nichts anderes als eine Sprache wie jede andere. Ein Mittel zum Zweck der Verständigung. In diesem Fall zu dem Zweck, Sprachbarrieren abzubauen. Denn wie eine Treppe für einen Rollstuhlfahrer eine Barriere darstellt, ist schwere Sprache ein Hindernis für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Sie können ihre Rechte nur wahrnehmen, wenn sie zu Inhalten Zugang erhalten, indem sie sie verstehen.

 

Leichte Sprache bedeutet damit nicht die Abschaffung der „normalen“ Sprache. Leichte Sprache ist vielmehr ein zusätzliches Angebot für alle, die schwere Texte nicht verstehen. Es geht um Verständigung und um Respekt. Wobei für uns der Respekt vor den Menschen wichtiger ist, als der vor der Sprache. Was nützt Sprache, wenn sie nicht verstanden wird?

 

Der Artikel mutmaßt, dass die Autoren des Textes in Leichter Sprache „im Team der Sendung mit der Maus vermutlich keine Anstellung finden würden“. Das hoffen auch wir. Denn Texte in Leichter Sprache richten sich nicht an Kinder, sondern an erwachsene Menschen. Texte in Leichte Sprache zu übersetzen ist ein komplexer, eigener Beruf. Wenn heute bei großen Debatten keine Gebärdendolmetscher dabei sind, fällt das auf. Leichte Sprache muss genauso selbstverständlich werden. Wir müssen Angebote in Leichter Sprache fördern und so ein Bewusstsein dafür schaffen. Denn für uns ist Leichte Sprache eine Basis für eine funktionierte Demokratie, an der alle teilhaben, und damit das Gegenteil von „antidemokratisch“.

 

  • Autorin: Ulla Schmidt (SPD), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Bundesvorsitzende der Lebenshilfe
  • Mitautor: Ernst Dieter Rossmann (SPD), Vorsitzender des Deutschen Volkshochschulverbandes

 

Quelle: Die Welt, 29.09.2016