Seitenanfang

Sprungmarken

Hauptinhalt

PRESSESPIEGEL:

25. Januar 2012

Bundestag leicht gemacht

Berliner Zeitung - 25.01.2012 - Die Sozialdemokraten möchten mit Leichter Sprache Politik verständlich machen

Worüber Politiker heutzutage reden, ist für viele Menschen nahezu unverständlich. Es geht um den EFSF, um die kalte Progression, den Nachhaltigkeitsfaktor oder die Beweislastumkehr. Und an Gesetzestexten scheitern mitunter sogar Juristen, weil selbst die Verfasser von der Komplexität überfordert waren. Geistig Behinderte haben da erst recht keine Chance, der Politik noch irgendwie zu folgen. Die SPD will das ändern: Die Bundestagsfraktion bringt in dieser Woche erstmals einen Antrag ins Parlament ein, der in sogenannter Leichter Sprache verfasst ist.

 

Die Regeln für Leichte Sprache wurden von einem Netzwerk aus Behindertenverbänden entwickelt: kurze und einfache Wörter, Sätze mit nur einer Aussage, viele Erklärungen, keine Abkürzungen. Ergänzt werden die Texte mit bunten Bildern. „Leichte Sprache bringt die Dinge prägnant und ausdrucksstark auf den Punkt", sagt die Sozialpädagogin Andrea Tischner, die seit einigen Jahren als Übersetzerin für derartige Texte arbeitet.

 

Das Ergebnis ist verblüffend. So heißt es im Original des SPD-Antrags, in dem es um die Gleichbehandlung von Behinderten geht: „Die kulturelle und mediale beziehungsweise informationelle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist Grundlage ihrer Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Mitgestaltung und Mitwirkung dieser Menschen. Daraus wurde in der Übersetzung: „Die Politikerinnen und Politiker von der SPD wollen, dass alle Menschen überall mitmachen können. Sie wollen: Kultur für alle. Deshalb haben sie diesen Antrag geschrieben."

 

Eineinhalb Wochen habe sie für die Übersetzung des sechsseitigen Textes benötigt, berichtet Tischner: „Typischer Politikersprech, das war schwer." Die Idee, den Antrag übersetzen zu lassen, hatte die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, heute Mitglied im Bundestags-Kulturausschuss. „Auch geistig Behinderte interessieren sich für Politik", sagt sie. Erst neulich sei sie in einer Behindertenwerkstatt mit den Worten begrüßt worden: „Das mit den zehn Euro beim Doktor, das warst du doch." Schmidt betrachtet die SPD-Initiative als Pilotprojekt.

 

Sie will erreichen, dass sich der Bundestag parteiübergreifend darauf einigt, künftig wesentliche Entscheidungen übersetzen zu lassen. Dabei geht es ihr nicht nur um Behinderte: „Leicht verständliche Texte sind auch für Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen und vor allem für die wachsende Zahl von alten Menschen wichtig." Zunächst muss sie sich aber mit der Bundestagsverwaltung auseinandersetzen. Diese will den Text in Leichter Sprache allenfalls als Anhang zum herkömmlichen Antrag akzeptieren. Begründung: Die bunten Bilder verstoßen gegen die Regeln des Parlaments.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 25.01.2012, Timot Szent-Ivanyi


Dokumente:
Bundestag leicht gemacht - Berliner Zeitung - 25.01.2012.pdf